Abenteuer-Reisen

Fotos + Bericht: aus 4Wheel Fun
Freier Journalist - Pit Pfrüner
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Unimog im Salzschlamm

Wie hatte Ludger noch gesagt: “Scoutfahrten haben unter anderem den Sinn, Service-Leute mit der Wüste und all dem, was darin vorkommt, vertraut zu machen. Das ist ein wichtiger Faktor, der die Qualität des Service-Teams festigt.“ Ein guter Spruch! Mit Blasen an den Händen sind wir derweilen fluchend und schwitzend dabei, unsere „Qualität zu festigen“, kein B-Movie-Abenteuerfilm-Regisseur hätte sich eine bessere Anfangs-Szene ausdenken können: Geteiltes Team, 42 Grad im Schatten, schon acht Stunden prügelharte Schotterpisten, Fech-Fech-Staub und elendweiche Mini-Dünen hinter uns. Und nun bei sinkender Sonne ein total versackter Unimog. Sauber – Regie wie von Ludger.
Schaufeln wir mal ...

Vier Stunden schaufeln

Nach drei Stunden umfassender Grabungsarbeit mit abgebrochenen Schaufeln, im Bodenlosen versenkten Balken und Sandblechen, angekratzten Kotflügeln und fünfzig Litern hinuntergestürzten Trinkwassers beginnen wir die finale Aktion. „Wenn sich das Trumm jetzt nicht bewegt, fahren wir nach Idri und holen zwei Caterpillar,“ sagt Jürgen. „Hätten wir schon vor drei Stunden machen sollen“, schallt es aus eineinhalb Metern Tiefe aus der Grube. Mit drei Autos und allen Bergegurten wird angezogen, zwei rutschen aus der spur, null Traktion, das Trumm bewegt sich nicht ! Doch nach einer weiteren Stunde steht der gehobene Schatz auf der Piste, lange Schatten in der untergehenden Sonne werfend, wilde, lehmverschmierte Gestalten drumherum, ein klassisches C-Movie-Finale. Nach Ludgers Diktion sind wir nun teilweise schlangenhoehle vertraut mit der Wüste, „all dem, was darin vorkommt“, bewährt und gefestigt. Ein Wahnsinns-Loch gähnt uns entgegen, unten blubbert schon ein halber Meter Salzpampe. Wir sammeln das Bergegerät ein, nach mehreren Sandblechen müssen wir erst stochern. Mit dem Bergegurt, mit Allrad und drei Litern Hubraum des Landcruisers befördern wir sie endlich an die Oberfläche. Nun nix wie weg. Voooorsichtig und wie die Perlen an der Schnur folgen alle dem Scout-BJ 75 in die pechschwarze Nacht.

Alles unter Kontrolle

Als wir den ersten Lichtschein der Oase Idri wahrnehmen, machen wir Biwak and der erstbesten Stelle. Im Unimog hat sich durch den Crash ein Kanister gelöst, der Verschluß ging auf, nun tropft und stinkt der lehmverschmierte, aber sonst völlig unversehrte Schatz gar fürchterlich. Anderntags rollen wir auf Umwegen Richtung Idri durch kleine flache Dünengebiete, streifen Wadis mit zauberhaften Palmengärten und hoppeln – übender Weise – wieder durch klitzekleine Dünchen. Je kleiner, desto gemeiner. Kaum gesagt und schon hängt Günter mit 40 Grad Schräglage in einem Sandtrichter knapp vorm Palmenbaum. Mit Aufwärtslenken geht da nix mehr, er hat bereits die aller erste Lektion vergessen: „Abwärts immer in Falllinie lenken, besonders, wenn das Auto querkommt.“ Nun, mit Räder-Geradestellen und einem kurzen Zug am Gurt sind wir frei. Und schon haben wir uns wieder „gefestigt“. Selbst im Pipifax-Wüsten-Gelände kann schon die kleinste Unaufmerksamkeit oder allgemeine Unerfahrenheit zu heiklen Situationen führen. Ziegenschlauch versus Ortlieb Die Polizeikontrollen auf den Verbindungsstrassen sind bei 17 Personen und neune aufgemotzten Fahrzeugen gelegentlich etwas langwierig durch das „Pässe-Abmalen“, durch die freundliche Neugierde mit dem obligatorischen kleinen Schwatz, aber grundsätzlich absolut korrekt. Kein Wechsel von Kugelschreibern, Zigaretten oder anderen „Geschenken“, sonst traditionell in den anderen nordafrikanischen Ländern. Besondere Aufmerksamkeit gilt überall dem Namen „Nemsi“ Bernd, unserem Österreicher. Angeblich hatten alle passierten Polizeiposten noch nie einen leibhaftig gesehen. Er ist nun immer für Extra-Scherze gut und unser „persönliches Schmiermittel“ zum Beschleunigen der Pässe-Zeigerei. Mancher der Gruppe müssen auch erst lernen, mit arabischer Gelassenheit diese Kontrollen zu erdulden. Wir sind als Gruppe immerhin ziemliche Exoten. Wer schon auf „guten“ deutschen Airports die Kontrollen dunkelhäutiger Besucher kritisiert, soll erst mal libysche Passkontrollen mitten in der Wüste durchstehen. Diese langwierigen Kontrollen haben auch handfeste Vorteile. Sie dienen als Nachrichtenquelle, man bekommt Informationen oder in kürzester Zeit Polizei-Begleitfahrzeuge durch Städte. Die letzten der Kolonne dürfen so ohne Gewissenbisse alle roten Ampeln ignorieren.

Zu den Mandara-Seen

In Sabha, der Verwaltungshauptstadt im Süden Libyens, erhalten wir die Genehmigungen für die Durchquerung der Awbari-Sandsee „Idhan Awbari“ und aller anderen Wüstenrouten im Süden. „Idhan“ bezeichnet ein riesiges Sandgebiet mit hohen Dünen. Awbari liegt am Rand des Idhans und ist unser Zielort. Awbari ist auch Ausgangspunkt für viele Allradtouristen, die auf der kurzen Wüstenstrecke zu den legendären Mandara-Seen fahren. Doch wir fahren abseits der Touristenpisten, hier gibt es vor uns noch keine Spurenbündel, die letzten Surfen in der Sandsee Pickup-Spuren kurz nach Sabha haben wir schon längst gekreuzt. Kurs 270 ° haben wir uns vorgenommen. Ein Wahnsinns-Horizont breitet sich aus, mit feinstem rötlichgelben Sand, ohne den kleinsten Schattenwurf im grellen Mittagslicht.

Luft raus und ab geht’s

Schon im Flachen folgen die obligatorischen Einbuddelaktionen. Selbst die Profis müssen erstmals „den Sand fühlen“. Manchen wollen noch nicht zuviel der guten Luft aus den Reifen lassen. Tiefschwarzer Dieselrauch markiert die Weichsandfallen. Es kann alles nicht wahr sein: Hier in den kaum merklichen Anstiegen bei 45 ° Hitze schon schieben, schaufeln, Sandbleche legen, Gurtrollen werfen und bergen! Dabei wollen wir doch noch unzählige, Hunderte von Metern hohen Dünen überqueren!

Das Sandgefühl im Hintern
Manche werden nervös. Vor allem, als nun zwei, drei der Gruppe so ganz lässig voranfahren, umkehren oder die Buddler einholen, sie mit Standgas umkreisen, einfach im Weichen stehen bleiben, ohne grabende Räder anfahren oder sie mit einem kurzen Zug am Bergegurt aus dem Schlamassel lupfen. „Ja, mit deinem Auto, mit diesen Reifen, fast nix geladen, vier Litern Hubraum und mit deiner Erfahrung, da kann ich es auch !“ hören wir im Vorbeifahren. Doch ein Hilux mit lumpigen 76 PS geht nun ganz plötzlich ab, zwar mit schwarzer Rauchfahne, die wie ein Besenstiel aus dem Auspuffrohr sticht, aber er geht. Da war doch noch was, außer Hubraum und Siebenfünfziger-Pirelli-Dakar – genau! Makabre Pistenmarkierung Erfahrung braucht der Mensch. Sie vermittelt das Sandgefühl im Hintern und schärft das Auge für Geländeformationen –wenn auch nicht sofort. Sie lehrt, dass wenig Reifendruck viel Vorwärtsfahren bedeutet, dass ein guter Diesel selbst unter 1000 Touren ohne Schalten über die letzten Meter rettet, dass Anhalten ohne zu bremsen keinen Keil vor die Vorderräder schiebt, dass bergab das Anfahren wie von selbst geht, dass rundes Lenken nur wenig Tempo nimmt und dass das Fahrzeug immer in Bewegung bleiben muss. Die wichtigsten Kleinigkeiten eben, die Profis schon „erfahren“ haben.

Riskante Dünen-Downhills

Im Zeitraffertempo wird fahrerischer Gleichstand hergestellt. Fast. Denn der Nemsi mit seinem leichten Vierliter-Cherokee und sogar die alten Wüstenhasen Monika und Doc mit ihrem wunderschönen BJ 43 wollen zeitweise einfach nicht genügend Luft aus den Reifen lassen. Ganz fein raus ist Alfred mit der automatischen Luftdruckanlage. Per Knopfdruck regelt er während der Fahrt den Reifendruck. Es ist eine Freude, ihm von hinten aus unserem Lumpensammlerwagen zuzusehen. Das ist zwar zum Fotografieren überhaupt nicht günstig, hat sich jedoch zwangsläufig durch die Gruppenordnung und den Fahrzeug-Schwächen und Stärken ergeben. „Nur die Starken überleben“ heißt die nicht ganz ernstgemeinte Devise von Ludger. Gisi und Jürgen fahren mit dem bärenstarken Toyota HDJ 80 (Reinhardt braucht die vier Liter Hubraum , um acht Liter Wasser für jeden Tag zu transportieren, mit denen er sich den Kopf wäscht) als vorletzte, wir mit dem Toyota KJ 70 als letzte, trotz Hecklastigkeit, Dachzelt, Straßenreifen und „Pflugscharhängerkupplung“ geht das Auto wie die Hölle, selbst in total zerwühlten Sandlöchern oder über die höchsten von den Vorausfahrenden versauten Dünenkämme. Oft suchen wir uns jedoch eine neue Route. Auf der gesamten Tour bin ich keine 500 Meter in der Untersetzung gefahren, davon mindestens 300 Meter bei Bergeaktionen. Mächtiges Felsentor Scout Jürgen will wetten: „Zeig mir einen x-beliebigen Punkt in den Dünen, mit d e m Auto fahr ich hin.“ Er könnte recht haben, nichts ist unmöglich. Ganz im Gegensatz dazu Bosch-Dienst-Manni im Pajero. Er muss fast alles in der Untersetzung fahren, leistet Schwerstarbeit am Volant und buddelt sich trotzdem häufig ein. Mit den großen Sandreifen passt die Getriebeabstufung nun überhaupt nicht mehr, vielleicht wurde bei Mitsubishi zuviel des – scheinbar – Guten in Richtung Straßentauglichkeit getan. Auch der bärenstarke Automatik-Cherokee, vorlaut als bestes Gerät geoutet, enttäuscht ziemlich. Automatik, Drehzahl, Drehmoment, Goodrich-All-Terrain und Weichsand-Dünen wollen einfach keine fahr-entspannende Liaison eingehen. Nur der vom Kat befreite Auspuff bereitet allen wohlwollend Abwechslung vom harten Dieselnageln mit seinem dumpfen Donnergrollen. Ein Vauacht kann es nicht besser. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass Wüsten-, Busch- und Bergpisten in den „unzivilisierten“ Gegenden dieser Erde von Nichts-ist-unmöglich-Fourwheelern dominiert werden. Man könnte als Normalgeländefahrer ins Grübeln kommen... Aus unserem Gassi, das ist ein Tal zwischen hohen, in einer Hauptrichtung verlaufenden Dünenkämmen, sollten wir nun nach Gefühl, nach grober Koppelnavigation und letztendlich auch den Angaben der GPS-Geräte in Richtung der Mandara-Seen abbiegen. Dazu müssen wir erstmals auf die höchsten Dünen hinauf, um dahinter und wieder dahinter und noch einmal hinter den Dünengebirgen ein weiteres fahrbares Gassi zu finden. Mit dem BJ 75 und dem KJ klettern wir hoch zum „Scouten“. Meine Höhenmesser-Uhr zeigt 80 Meter Höhengewinn an, dabei befindet sich die rastende Gruppe bereits in der dritten Dünenetage, nicht mal ganz unten im Gassi! Wie Fliegendreck sehen von hier oben die Autos aus. Renate läuft wie eine Gazelle die Dünen rauf und runter, meint, ein Gassi zu sehen. Wir folgen, ebenfalls zu Fuß. Der Anblick ist gewaltig, doch höchstens drei, vier Autos kämen hier mit viel Glück und Können durch. Mit acht Fahrzeugen völlig unmöglich, die einzige fahrbare Spur wäre völlig zerwühlt. Wir müssen wieder ein Stück zurück und versuchen, flachere Dünen zu finden.

Jungfräulicher Sand

Magenkribbeln verursachen immer wieder direkte 40-Grad-Dünenabfahrten. Mit dem üblichen Zehn-Meter-Sandlawinenrutschen haben diese nervenzerfetzenden „downhills“, außer dem Schüttwinkel des Sandes, nichts gemein. Der Höhenmesser zeigt oft 60 bis 70 Meter Höhenunterschied an einer einzigen Düne! Wer sich das nicht vorstellen kann, sollte sich mal sein Auto per Kran auf den Kölner Dom hieven lassen, das ist zwar deutlichniedriger, aber genauso steil! Und dann runterfahren bis zur Dachrinne und anhalten. Viel Vergnügen! Wir finden zu den Mandara-Seen, kommen aus einer Richtung, wo der Sand noch völlig jungfräulich ist und halten in großer Entfernung an. Nach mehreren Tagen nur Sand, allenfalls einigen vereinzelten Palmwedeln, tut sich ein geradezu atemberaubender Anblick vor uns auf. In einem Kessel aus riesigen goldgelben Dünenketten wächst ein sattgrüner Palmenwald. Und mittendrin wie ein Auge ein tiefblauer See. Unvorstellbar, ein See mitten in der Sandwüste – der bekifftestte Hollywood-D-Movie-Regisseur könnte es nicht kitschiger im Studio aufbauen. Libyen-Karte Keine Fata Morgana, alles echt, wir sind ergriffen, ein landwirtschaftlicher Superlativ. In welch’ einem Paradies haben die Bewohner des nun verlassenen Orts Gabron gelebt! Doch außer Palmen wächst hier nichts, das Wasser schmeckt wie Natronlauge, nur winzige rote Krebse können darin überleben. Die Brunnen mussten weit vom See entfernt gegraben werden, damit das Salz vom Sand ausgefiltert wird. Ein hartes Leben im Paradies.

Die Mutter des Wassers

Der letzte in der Reihe der Mandara-Seen, „Umm al Mah“, die Mutter des Wassers, wird auf einer Seite von einer hundert Meter hohen Düne erdrückt, nur ein handbreiter Schilfgürtel wächst auf der Dünenseite. Wir machen Mittagsrast und ernten im Herumwandern einige besonders vorzügliche Datteln. Wissenswertes zum Liberty Germany-Tunesia-Libya-Germany-Raid Leider finden wir später diese eine Palme nicht mehr. In Mandara, dem am einfachsten vom Asphalt her zu erreichenden See, bauten findige Tourismus-Manager ein Hüttendorf. Zwei Musterhütten sind eingerichtet, wie die Hütte, so sind auch alle Möbel zu 100% Palme, kunstvoll gefügt und geflochten. Ein junger Sudanese wacht über alles. Er meint, wir sollen baden. Stinken wir schon so? Doch nein, er hat ein Süßwasserloch gegraben, um nach dem Baden das Salz abzuwaschen. Einige trauen sich nicht in die schmierige Lauge – alles Gewöhnung – und schweben an der Oberfläche, selbst mit einem Sandsack würde man nicht absaufen. Schon nach wenigen Metern auf dem Weg zum Brunnen bildet sich auf unserer Haut eine dicke Salzkruste. Soll gesund sein, juckt aber mächtig. Das Süßwasser im Loch reicht zum Abspülen von vier Leuten aus, doch was ist, wenn hier große Gruppen gleichzeitig duschen wollen ? Die bereits gegrabenen Brunnen werden nur entsalztes, aber kein Trinkwasser liefern können. Bis zum Herbst, wenn Ludgers Rallye-Raid hierher kommt, Inshallah, will der Wächter Wasser horten. Man könnte es ihm fast glauben, denn er ist fix, außerdem kommen oft monatelang keine Wüstenfahrer vorbei, obwohl die Mandara-Seen eines der Highlights in Libyens Süden sind. Auf der Rückfahrt vom Akakus-Gebirge mit seinen Felszeichnungen durchqueren wir nochmals den Idhan Awbari, testen eventuelle Routenführungen für die Rallye und finden noch mehr landschaftlich höchst abwechslungsreiche, fahrerisch anspruchsvolle Dünengebiete und Pisten, auch ein Teilstück der Paris-Dakar. Doch über die allerhöchsten Dünen kann keine Rallyeroute führen. Selbst die Profis der Paris-Dakar mussten drumherum. Und wenn Sie im Herbst mit Ihrem Fourwheeler (mit Fun) und mit kalkuliertem Risiko dabei sein wollen, werden Sie ein unvergleichliches Abenteuer in Libyen erleben. Doch Wüstenfahrers Wahnsinn, die Dünen-Super-Mega-Achterbahn, das schafft man nur mit einer kleinen Gruppe.